Dyskalkulie - Rechenschwäche - Ergotherapie Daniela Heine Leipzig



  Definition:

  Dys = fehlerhaft
  Kalkulie = rechnen

  Laut WHO:
  Diese Störung beinhaltet eine umschriebene Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die
  nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene
  Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft die Beherrschung grundlegender
  Rechenfähigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren
  Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie und Differential- sowie Integralrechnung
  benötigt werden.

  Unterscheidung:

  Rechenschwäche:
    - erworbene Rechenschwäche
      Verlust bereits erlernter Rechenfertigkeiten (z.B. durch Unfall)
    - sekundäre Rechenschwäche
      Folge einer organischen Erkrankung (z.B. Epilepsie)

  Allgemeine Rechenstörung:
    - bei Intelligenzminderung
    - Rechenstörung lt. Definition
      unterdurchschnittliche mathematische Kenntnisse, bei einer mindestens
      durchschnittlichen Intelligenz

  Info:
  Die Therapie von Dyskalkulie wird nur dann von den Kassen bezahlt, wenn sie mit einer
  Wahrnehmungsstörung einhergeht. Die Förderansprüche für betroffene Kinder können
  beim Jugendamt geltend gemacht werden.


  Ursachen:

    - visuelle Wahrnehmungsstörung
    - Speicherschwierigkeiten
    - Automatisierungsschwierigkeiten
    - graphomotorische Störungen
    - impulsiver Kognitionsstil (ADHS)

    - sprachliche Schwierigkeiten
    - mangelhafte/fehlerhafte Beschulung

    - Ängstlichkeit
    - Angstabwehrmechanismen


  Formen der Rechenstörung:

    - Akalkulie
      Zählschwäche, schwerwiegenste Form der Störung
      - Mächtigkeit von Mengen kann nicht erfasst werden
      - Zahlen können nicht den Mengen zugeordnet werden
    - Dyskalkulie
      - alle Fehlleistungen des Grundrechnens
      - Operationen können nur schwer verinnerlicht werden
    - Sachrechenschwäche
      - Rechenoperationen werden beherrscht
      - Texte können daraufhin nicht dekodiert werden
    - Regelverständnisschwäche
      - Grundrechenarten werden beherrscht
      - bei umfassenden Regeln (Algebra) tauchen Probleme auf


  Dyskalkulie - Varianten:

    - Störung des semantischen Gedächtnisses (KZG)
      Rechenregeln und -operationen können nicht automatisch aus dem
      Gedächtnis abgerufen werden.
      Ständiges Üben führt nicht zur Verinnerlichung.
      Es entstehen hohe Fehlerraten beim Lösen von Aufgaben.
    - Störung der prozeduralen Operationen
      Strategien in der Anwendung mathematischer Operationen und Regeln
      werden nur unvollständig entwickelt.
      Es werden Fehler in der Ausführung von Rechenschritten gemacht.
      Es fehlt an Verständnis für anzuwendende Strategien.
    - Raumanalytische Störung
      Fehler in der räumlichen Vorstellung und Interpretation
      numerischer Infos.
      Beim schriftlichen Rechnen misslingt das Übertragen/Leihen von
      Größen sowie Organisation in Spalten/Zeilen.


  Grundvoraussetzung für den Aufbau eines Zahlenbegriffs / beständige Zählfähigkeit:

    - Eindeutigkeitsprinzip
      Jedem zu zählenden Gegenstand wird genau eine Zahl zugeordnet
    - Prinzip der stabilen Ordnung
      Reihe der Zahlennamen ist feststehend
    - Kardinalprinzip
      Das zuletzt genannte Zahlwort bestimmt die Menge
    - Abstraktionsprinzip
      Die ersten drei Prinzipien können auf jede Menge angewandt werden.
    - Prinzip der Irrelevanz der Anordnung
      Anordnung der zu zählenden Gegenstände ist für das Zählergebnis irrelevant.
    - Ordinalzahlprinzip
      Zahlen geben Auskunft über Reihenfolge, Stellung oder Rang bei einem Wettkampf
    - Reihenfolgen
      Zählzahlen geben Auskunft über Reihenfolgen.
    - Maßzahlaspekt
      Zahlen können angeben, wie groß, lang, schwer etwas ist.
    - Operatoraspekt
      Durch die Zahl kann die Vielfachheit einer Handlung beschrieben werden
      (Klaus geht 5 Tage pro Woche in die Schule).


  Der mathematische Lernprozess (4 Phasen-Modell nach Aebli):

    1. Phase: Konkrete Operation/Handlung
    - Durchführen einer "mathematischen" Handlung mit konkreten Gegenständen
      (Hinzutun - Addition, Wegnehmen - Subtraktion, Wdh. gleicher Handlungen -
      Multiplikation, Ver-/Aufteilen - Division)
    - Handlungen müssen abgespeichert werden und abrufbar sein, das entstandene
      Ergebnis muss nachvollzogen werden können
    => Voraussetzung für die Übertragung auf Zahlen/Ziffern

    2. Phase: Bildhafte Darstellung
    - Zeichnerische Abbildung der Mengengestalten und Andeutung der
      Rechenoperation durch graphische Zeichen (Pfeile, ...)
    - Kinder müssen von der zweidimensionalen Abbildung auf die dreidimensionale
      konkrete Handlung schließen/umdenken können
    => arithmetische Operationen/Handlungen sollen visualisiert werden

    3. Phase: Symbolische Darstellung in Ziffern
    - Bildliche/graphische Darstellung einer Operation, sowie die Zuordnung einer
      Ziffer zu einer dargestellten Menge
    - Symbolik der Rechenzeichen sollen einer konkreten Handlung zugeordnet
      werden
    - Kinder nehmen in dieser Phase Abstand von der konkreten Handlung und
         wechseln in die visuelle Vorstellung
    => stellt eine Zeitersparnis dar

    4. Phase: Automatisierung
    - sollte erst angestrebt werden, wenn die vorangegangenen drei Stufen
      abgeschlossen sind
    - enorme Erleichterung (weniger Fehler und weniger benötigte Zeit)
      => kleines 1x1 und Rechnungen im Zahlenraum bis 20 müssen nicht
        mehr ausgeführt werden
    - Dauer dieser Phase ist abhängig von den Leistungen des
      Kurz- und Langzeitgedächtnisses


  Störfaktoren beim mathematischen Lernprozess:

    Abweichung in der Intelligenzstruktur
    - Intelligenz in Ordnung
    - Schwäche beim anschaulichen Denken und Erfassen von mengenmäßigen Strukturen

    Wahrnehmungsstörung
    - visuelle Gliederungsschwäche
    - Figur-Grund-Wahrnehmungsprobleme
    - Probleme beim Erfassen räumlicher Beziehungen
      => führt zu Problemen bei der Orientierung im Zahlenraum
    - Körperschemastörungen
    - Raum-Lage-Wahrnehmungsstörung
    - Richtungsprobleme beim Lesen von Zahlen 21/12

    Zahlbegriffsschwäche
    - Zählschwäche
    - kann intellektuell bedingt sein, aber auch durch unzureichende Beschulung entstehen
      => Zahlbegriff stellt eine elementare Vorraussetzung für die Rechenfertigkeit dar

    Mangelnde Einsicht in das Dekadensystem
    - liegt meist an der mangelnden Einsicht für die Stellung/Rolle der 0

    Abstraktionsschwäche (Konkretismus)
    - Kinder greifen immer wieder auf die Gegenstandsmanipulation zurück
      => Abzählen mit den Fingern

    Merkfähigkeitsprobleme
    - visuelle Speicherschwäche
    - auditive Speicherschwäche

    Sprachverständnisschwäche
    - keine ausreichenden Deutschkenntnisse
    - geringer Wortschatz
    - zweisprachige Erziehung (Twentyone/Einundzwanzig)
    - LRS
    - auditive Beeinträchtigungen

    Graphomotorische Beeinträchtigungen
    - motorische Beeinträchtigung
      => erhöhter Zeit und Energieaufwand

    Konzentrationsprobleme
    - Impulsivität
    - mangelnde Ausdauer
    - Ablenkbarkeit

    Emotionale Störungen
    - Versagensangst
    - zu hohe Anforderungen von zu Hause
    - zu hoher Eigenanspruch


  Merkmale einer Dyskalkulie:

    Vorschulalter
    Hinweise gibt das Vermeiden bestimmter Spiele wie
    - Memory
    - Puzzle
    - Bauen mit Klötzen
    - Muster (nach)legen
    Außerdem Probleme mit
    - Schleifen binden
    - Sprache

    1. Klasse
    - mangelnde 1:1 Zuordnung
    - unzureichendes sinnvolles Zählen
    - Ziffer-, Zahl- und Mengengemeinsamkeiten werden nicht erkannt
    - Größen- und Mengensortierung gelingt nicht
    - Mengen können nicht verglichen werden
    - Probleme beim Erfassen von Situationen, bei denen Zahlen vorkommen

    2. Klasse
    - Rechenzeichen werden nicht sicher gekannt
    - Zahlenraum bis 20 wird nicht gekonnt
    - +/- wird nicht beherrscht
    - Sachaufgaben im Zahlenbereich bis 20 werden nicht gekonnt
    - beziehungsstiftende Worte werden nicht gekonnt oder verwechselt
    - Probleme, Muster nachzulegen

    3. Klasse
    - Probleme s.o. bestehen weiter
    - immer noch mit Fingern zählen
    - schlechte Orientierung im Zahlenraum bis 100
    - Dekadensysteme nicht verstanden
    - kann Platzhalteraufgaben nicht
    - Strichrechnung nicht verstanden
    - Zahlenraum bis 100: keine sichere Addition/Subtraktion
    - Sachaufgaben im Bereich bis 100 können nicht in
      Rechenoperationen umgesetzt werden

    4. Klasse
    - keine sicheren Grundkenntnisse s.o.
    - Zahlenraum bis 1000 wird nicht beherrscht
    - Grundrechenaufgaben werden verwechselt
    - kann keine Uhr lesen
    - Längen- und Größenverhältnisse können nicht ein-/abgeschätzt werden
    - kein adäquater Umgang mit Geld
    - völliges Versagen bei Sachaufgaben


  Typische Fehler / Probleme:

    - Richtungsprobleme bei der Ziffernschreibung (THZE)
      Beispiel 24 => 42
      Verschriftlichung des Gesprochenen/Gehörten

    - Verwechslung gestaltähnlicher Zahlen
      Beispiel 4/7 - 3/8 - 6/9
      Probleme bei der Raumlage oder Verharren auf der Wahrnehmungskonstanz

    - Graphomotorische Beeinträchtigungen
      Kinder schreiben sehr langsam, schaffen nicht alles, schreiben unleserlich

    - +1/-1 Fehler
      Beispiel 3+4=6 (-1) - 9+5=15 (+1)
      geschieht häufig, wenn mit Fingern abgezählt wird

    - multiplikative Verwendung der Null
      Beispiel 2+0=0
      Stellung/Verwendung der Null ist nicht klar

    - Vernachlässigung der Null
      Beispiel 2x0=2
      Stellung/Verwendung der Null ist nicht klar

    - Inverse Operation
      Beispiel 10+4=6 - 16-4=20 - 6:2=12
      Operationszeichen nicht ausreichend abgespeichert
      oder verminderte Aufmerksamkeit

    - Probleme bei der Zehnerüberschreitung
      Beispiel 8+6=2 - 15-7=5
      Richtungsstörung, mangelnde Orientierung im Zahlenraum,
      übereiltes Lösen der Aufgabe

    - Probleme im Umgang mit dem Dekadensystem
      Beispiel 10+6=15 - 20+5=5
      Stellung des Zehners nicht verstanden

    - Platzhalteraufgaben werden nicht verstanden
      Beispiel 6+?=10 => ?
      Keine Lösungsidee; Umwandlung in 10-6 ist nötig,
      wenn die Aufgabe nicht automatisiert/abgespeichert ist.

    - Serien ergänzen wird nicht gekonnt
      Beispiel 1,2,3,4,?,6,7,8 => ?
      Seriation nicht verinnerlicht, Vorgänger/Nachfolger nicht erschließbar

    - Sachaufgaben können nicht entschlüsselt werden
      Beispiel: Klaus kauft 3 Äpfel für seine Mutti und 4 Äpfel für seinen
      Vati. Wie viele Äpfel Kauft Klaus insgesamt? 3+4=nicht lösbar
      Schlüsselwörter wie "und" und "weniger" können nicht in Rechenzeichen
      umgesetzt werden.

 

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